Pfingsten in McPomm

Enten mögen keine Sprotten
Von Hans-Jürgen Schlicke

Wenn es in PLAU AM SEE hupt - auch sonst, nicht nur zu Pfingsten -, wird die Hubbrücke per Zahnstangenantrieb nach oben gehievt und die etwas größeren Kähnchen (der coolste Name für eine Angeberyacht war "Crusader - Kleinzerlang", klar, wo sonst vermutet man Kreuzritter, wenn nicht in Kleinzerlang) können die schmale und niedrige Stelle am Eingang in den Plauer See passieren. Dann ist immer für zehn, zwölf Minuten nix mit Weitergehen oder -fahren. Merkantil nicht unintelligent gibt es just an dieser Stelle zwei Restaurationen. Eine auf jeder Seite der Brücke. Zum einen das PLAWE, ein Café & Restaurant mit lustigen, eher unterwürzten Speisen. Wenn man mal will, auch ganz ohne Fisch oder Fleisch, wie zum Beispiel Kartoffeltaschen. Vor allem aber mit einer sehr einfallsreichen Kaffeekarte aus 60 Kaffeekreationen, die sich gegenseitig übertreffen. (Übrigens erinnert der Name Plawe daran, dass bis vor der Zeit des segnungsreichen Christianisierens durch Heinrich den Löwen hier in der Gegend überall Slawen siedelten, die Vorfahren unserer heutigen polnischen Nachbarn, sozusagen. Können wir uns da nicht glücklich schätzen, dass die Polen nicht auch - so wie es anderwärts Mode geworden ist - Wehrdörfer auf dem Grund und Boden errichten, auf dem sie lange Jahrtausende vor uns zu Hause waren?) Beim Betrachten der vorbeituckernden Bötchen hab ich statistisch erhoben, dass in einem von 23 (4,347 Prozent) eine Frau am Steuer stand; in den anderen Fällen war die anwesende Dame meistens mit Aufräumen, Essenkochen oder Winslet-like am Bug lehnen beschäftigt. Wenn Frauen steuerten, saßen die Männer 'rum und soffen.

Auf der anderen Seite der ELDE, wie das Flüsschen heißt, dass in Plau am See aus dem Plauer See herausfließt, haben wir das Hotel & Restaurant & Café "ELDEBRÜCKE". Da gibt es eher die bodenständigere Variante des Essens, lecker allemal. Mir fiel da übrigens wieder mal auf, dass der Fisch, wenn man ihn ganz frisch aus dem See vor der Tür sozusagen bekommt und zubereitet, überhaupt nicht nach Fisch riecht und eigentlich auch nicht nach Fisch schmeckt sondern nach allerei Gewürzen und Zitrone und Butter natürlich. Ist doch seltsam. Nächstens werde ich mir bei einem dieser mobilen Würstebrater auf dem Alexanderplatz genau die original Thüringer Rostbratwurst bestellen, die am wenigsten nach Thüringer Rostbratwurst duftet... Das "Eldebrücke" ist auch für all jene interessant, die nach den ätzenden Fahrradtouren des Tages gern duschen (von allen Seiten!), bis der Arzt kommt, in der Sauna abhängen, im Whirlpool die Seele baumeln lassen, oder auf der Streckbank wieder ein bisschen Platz zwischen den Wirbeln des Rückgrates schaffen wollen.

Pfingsten und MOTORRADFAHRER gehört irgendwie zusammen wie die Walpurgisnacht und die Hexen. Aber anders als die Hexen brauchen Motorradfahrer dringend umfassende psychologische Unterstützung. Da MUSS doch mal jemand was unternehmen! Die kommen immer nur in Grüppchen in die Schenken rein. Allein trau'n die sich gar nicht und dann müssen die die ganze Zeit ihre Montur anlassen. Gott, haben die mir Leid getan. Offenbar hängt das ganze Selbstbewusstsein und womöglich sogar die körperliche Stabilität von diesen Quasi-Rüstungen ab. Vielleicht haben die am Ende gar kein Skelett sondern unter ihren Monturen so eine Art Chininpanzer wie die Krebse oder die Ameisen. Hm.

Spazieren gehen in WISMAR ist angenehm, auch wenn es mal ein bisschen regnet. Am ALTEN HAFEN hatten eine Reihe von Kuttern und kleineren Booten fest gemacht und boten ihre Waren feil. Wir nahmen "... Sprotten für'n Euro..." und stellten fest, dass Enten geräucherte Sprotten nicht mögen. Vielleicht waren sie auch nur beleidigt, dass wir ihnen bloß die Köpfe und Schwänze zugeworfen haben... Die Entenfamilien am Plauer See waren übrigens sehr vorsichtig und suchten lieber das Weite mit ihren niedlichen Küken als sich von uns die mitgebrachten Hotelschrippen zum Fraße vorwerfen zu lassen. In Wismar jedenfalls gibt es interessante Schilder an vielen Häusern. Auf einem wird zum Beispiel daran erinnert, dass der "Gesamt Verband der Metallarbeiter werktägl. von 4 1/2 bis 6 1/2 Uhr ..." geöffnet ist. Was all jene, die mit "viertel vor sechs" und "dreiviertel sechs" auch im Jahre 13 nach der Revolution noch nicht klarkommen, vermutlich in den Wahnsinn treiben würde... Am Stadtknast, direkt gegenüber der St. Marien Kirche habe ich auf einem Schild gelesen, dass "... unerlaubte Kontaktaufnahme bestraft..." wird. Und mich gefragt, was eigentlich härter ist, auf Alcatraz ohne jeden Kontakt zur Liebsten zu hocken oder im Wismarer Knast und dann immer weggucken zu müssen, wenn sie draußen vorbeigeht.

GEBRANNTE GRÖSSE heißt eine Aktion im Lande, die die Geschichte der Backsteingotik an ihren vielen Beispielen zeigt. Ich werd' mal wieder ein Architekturbüchlein zur Hand nehmen müssen, weil ich schon bei der winzigsten Stützmauer unsicher werde, ob es nun romanisch oder gotisch ist, was ich da sehe. 1960 in Wismar jedenfalls, also lange nach gotischer und romanischer und eher zu Beginn der Plattenbauweise, hat man ein ganzes Schiff von St. Marien weggesprengt und praktisch zur selben Zeit 100 Meter davon entfernt an einer Ecke ein altes Patrizierhaus wieder aufgebaut. Einen feinsinnigen Humor haben die Fischköppe schon immer gehabt...

Auch bei der Erfindung neuer Wörter. DAS Wort zu Pfingsten 2002 ist jedenfalls NACHTDEKORATION. Juwelier und Goldschmied STURBECKER hat nämlich in seinem Schaufenster am Markt kleine, leere Holzklötzchen mit Preisen zwischen 100 und 7.000 € stehen. Leer, wie gesagt. Und damit keiner der feinsinniger Wismarer oder der eher etwas weniger toughen Touris sich fragt, warum so ein lackiertes Klötzchen beispielsweise 452 € kostet, weist Sturbecker mit dem Schildchen Nachtdekoration darauf hin, dass die Klötzchen eben nur nachts ohne was sind. Dass es neben dem STEIGENBERGER am Markt eine kleine Passage mit Namen TITTENTASTERSTRASSE gibt, ist da fast schon banal. Und: Sturbecker verkauft aus den Glashütter Werkstätten für NAUTISCHE INSTRUMENTE Uhren schon für 380 €, was ich für ein absolutes Schnäppchen halte.

An LÜBZ kommst Du da oben nicht vorbei: So, wie der brave Soldat Schweijk seinerzeit in den "Kelch" ging, um Prager schwarzes Bier zu bestellen, so käme in Lübz heute kein Schwein auf die Idee, etwas anderes als das Bier aus der mittlerweile 125-jährigen Brauerei zu probieren. Mit unerwartetem Understatement kommt dann aber doch die Lübzer Sparkasse daher, die in ihrer Filaile wunderschön simplifiziert den Maschinensaal der ehemaligen Wassermühle zu Lübz präsentiert. Noch unerwarteter für den Hauptstädter war, dass es nebenan beim Geschäftchen mit Namen INSPIRATION Hanf-Jeans zu kaufen gab. Erwartet hatte der Hauptstädter allerdings nicht, dass am Pfingstsonntag geöffnet ist...

RADIO EINS empfängt man da oben übrigens ziemlich flächendeckend. Ich fand dies angesichts der Brüllsender á la RADIO R-SH und N-JOY RADIO oder des stinknormalen NDR ZWO dann doch eher wohltuend. Obwohl die Liveübertragung vom Karneval der Kulturen mitten in einem nach allem Honig dieser Welt duftenden Rapsfeld ein bisschen anders klingt als auf dem Balkon in Friedrichshain.

Ach, apropos Radio Eins. Bei SPORT BRASCH in PARCHIM hab ich die größte Auswahl an Markenrucksäcken gesehen; und am MÖNCHSHOF wunderschöne Geschichtenbilder, die in zugesetzte Fenster gemalt worden sind. Beim Italiener am Mönchshof gibt es allerdings keinen Latte Macchiato. In Parchim hast Du überdies das Problem, dass du auf der Suche nach dem Weg nach GÜSTROW nach 'ner Weile an den berühmten Satz von Nikolaus Lauda denken musst, wonach es Wichtigeres gibt als mit einem Auto im Kreise herum zu fahren.

Güstrow hat den vielleicht schönsten Engel auf der ganzen Welt! Er schwebt dir entgegen, und dass sein Gewand nicht herunterhängt zeigt dir, wie gleichgültig ihm die Schwerkraft und andere irdische Dinge vermutlich sind. Bloß nicht vergessen, dass es mal Zeiten hierzulande gab, zu denen so etwas Verzauberndes eingeschmolzen werden konnte.

(Noch was: Unterschätze nie die Bauernschläue, nie! Es mag schon sein, dass es unterwegs immer mal einen ELEKTROZAUN mit ohne Elektro geben mag. Weil die Sparzwänge auch die McPommBauern zu manch bitterer Entscheidung zwingen. Zum Stromsparen beispielsweise. Aber manchmal ist es der dritte, und manchmal ist es der zweite Elektrozaun, der dann doch mit Elektro ist. Und das nicht zu bedenken, kann beim Dranpinkeln zu - hoffentlich nur - vorübergehender Erektionsschwäche führen. Hab ich gehört.)

© POTZDAM 2002 - Hans-Jürgen Schlicke